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Kreismassagen

Geschrieben in Wirtschaftstheorie von Olaf Schilgen am 15 Februar 2011

Geldschöpfung aus dem Nichts steigert das Bruttosozialprodukt, produziert Wachstum.

Das ist, sehr verkürzt, eine Sichtweise auf eine Bemerkung, auf eine Anekdote zum Wirtschaftssystem. Das Beispiel, welches konkret dahinter liegt, geht so: Man nehme ein Anzahl Studenten der Wirtschaftstheorie, setze sie in einem Kreis auf den Boden (ab ca. 20 Personen) und dann massiere jeder dem vor ihm sitzenden den Rücken. Anschließend zahle jeder seinem Masseur 20 Euro.

Violá, das Bruttosozialprodukt ist soeben um ca 400 Euro gestiegen, die Wirtschaft somit gewachsen.

Glauben sie an Zauberei? Nein? Ich auch nicht. Denn auch wenn das als Beispiel für gemeinsames Wirtschaften stehen soll, so gelten noch immer ein paar grundsätzliche Wahrheiten zu Leistungen und Gegenleistungen.

Denken wir dieses Konzept weiter.
Wieso baut nicht jeder seinem Vordermann ein Haus? Das gibt es doch auch in dörflichen Gemeinden, gemeinsames Häuserbauen mit Nachbarschaftshilfe. Das Prinzip ist das selbe, die Dimension ein Schritt größer.

Noch ein Schritt mehr gefällig?
Wieso baut nicht jeder dem Vordermann ein Schloss, oder eine ganze Stadt? Das Bruttosozialprodukt würde ein Wachstum wie in Entwicklungsländern erfahren. Zweistellige Wachstumsraten wären möglich.

Doch wo ist der Haken? Wieso macht es niemand? Wieso baut nicht jeder dem anderen eine Stadt oder ein Schloss?

Leistung muss erbracht werden – so möchte ich das hier einmal formulieren. Die Massagerunde ist bereits zu 100% ausgelastet. Mehr als eine Person massieren zu einer Zeit geht einfach nicht. Ein Rücken bleibt ein Rücken, und ein Masseur ein Masseur.
Es ist bei dieser Massage Arbeit geleistet worden. Es sind Joule verbraucht worden, oder auch berechenbar in kW. Es ist Zeit vergangen. Es ist Arbeit vollbracht worden, Leistung pro Zeit.

Leistung pro Zeit.

Beides steht nicht endlos zur Verfügung. Sicher wird jeder zustimmen, das ist altbekannt. Wieso aber soll in einem Wirtschaftssystem die Leistung nur im Tauschmittel berechnet werden? Leistungen werden im Wirtschaftssystem nur mit Geld berechnet, Leistungen, die nicht mit Geld bezahlt und verbucht werden, existieren nicht. Existieren sie wirklich nicht?
Ein Beispiel:
Häusliche Pflege beispielsweise – existiert sie nicht? Doch, sicher. Es wird Leistung erbracht. Nach unserem Wirtschaftssystem wäre es sinnvoll, wenn zwei Nachbarn sich jeweils gegenseitig die Wohnung putzen, das als haushaltsnahe Dienstleistung von ihrer Steuer absetzen. Nach unserem Wirtschaftssystem wäre es sinnvoll, wenn man nicht die eigene Mutter, den eigenen Vater pflegt, sondern die Oma des Nachbarn – und das wie soeben geschildert, in Rechnung stellt. Die eigene Mutter wird dann vom Nachbarn gepflegt. Nur so wird das Bruttosozialprodukt gesteigert, nur so entsteht Wirtschaftswachstum.
Offensichtlich ist das in diesem Beispiel nicht ganz so, wie es wirklich sinnvoll wäre.

Zurück zur Leistung, zu Arbeit pro Zeit: Beides steht nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Eine Person kann zu einer Zeit nur massieren oder den Haushalt aufräumen oder die Nachbarin pflegen oder auch nichts tun.
Nichts tun und gleichzeitig etwas tun geht nicht. Massieren und gleichzeitig den Haushalt in Ordnung halten geht ebenso nicht.

Jeder Nachbar baut seinem Nachbarn ein Haus geht aber?
Nicht ganz. Es gilt: Leistung pro Zeit. Ein Nachbar allein braucht vielleicht 5 Jahre, bis das Haus fertig ist. 10 Nachbarn brauchen nur 6 Monate.

Was möchte ich damit sagen?
Es ist offensichtlich nicht möglich, beliebig viel Arbeitsleistung zu erbringen zu einer Zeit.

Also noch einmal zurück zu den Kreismassagen: Es ist wohl so, dass diese 20 Personen zwar eine Leistung erbringen, die sonst nicht erbracht worden wäre – aber es ist offensichtlich so, dass diese 20 Personen nun damit auch vollauf beschäftigt sind.
Mehr leisten können sie nicht. Vielleicht könnte der eine oder andere qualitativ noch etwas zulegen, die Rückenmuskeln noch etwas intensiver quetschen – aber diese 20 Personen sind zur Zeit der Massage vollends ausgelastet, und stehen für weitere Steigerung des Bruttozozialprodukts nicht mehr zur Verfügung. Diese 20 Masseure können in dieser Zeit kein Haus bauen.

Der Hausbau. Wie wäre es, wenn wir stattdessen einen Hausbauroboter kaufen? Dann wäre doch schnelleres arbeiten möglich, oder?
Das ist der Punkt, wo ich wieder auf Leistung pro Zeit verweisen möchte. Die Leistung wird erbracht, wenn das Haus fertig ist, ist die Leistung erbracht.
Für die Volkswirtschaft wäre es doch toll, wenn sich der Besitz von Hausbaurobotern in dörflichen Gemeinschaften durchsetzen würde. Die Nachbarn hätten mehr Zeit, wenn sie sich nicht gegenseitig selbst die Häuser bauen würden.

Die Frage ist nur: Wer leistet dann noch etwas?

Diese Mehrleistung funktioniert nur, wenn es jemanden gibt, etwas gibt, das die Leistung erbringt. Die Energie dafür lässt sich berechnen, es muss mindestens so viel sein, wie die Nachbarn auch in gemeinsamer Arbeit geleistet hätten.

Und da kommt man zur Einsicht, dass ein Wirtschaftswachstum einher geht, einher gehen muss, mit einer Zunahme des Energieverbrauchs.

Man muss nur noch den Zirkelschluß finden, dass die Zunahme des Wirtschaftswachstums (hier der Zahl der gebauten Häuser) notwendigerweise eine Zunahme des Energieverbrauchs zur Folge hat, haben muss.
Die zweite Betrachtung ist noch etwas grundlegender: Das Geld, mit dem dieses Wirtschaften gemessen wird, ist eine Entsprechung dieser Leistungen.
Die Ausgabe von mehr Geld in Form von Krediten, die in der Zukunft zurückgezahlt werden müssen, ist das Eingehen eines Leistungsversprechens in der Zukunft.

Die Leistung muss erbracht werden. Der Hausbauroboter will bezahlt werden. Der Kredit will getilgt werden. Ein Zins soll gezahlt werden. Alles Aussagen, die eine Leistung verlangen.
Geschenkt wird einem nichts. Das ist eine Aussage, die man ebenso kennt.
Dem Wirtschaftssystem aber soll etwas geschenkt werden? Die Wirtschaft soll „angekurbelt“ werden? Allein dadurch, dass man Geld, dass man Leistungsversprechen in Menge verteilt?
Wenn damit alle anfangen, etwas zu leisten, „etwas“ zu machen, anstelle eines gepflegten Nichtstuns – dann stimmt dieses Bild. Dann wird der Prozess der Leistungserbringung angeworfen.

Es wäre daher interessant, einmal zu schauen, wieviel der potentiellen Leistungskraft eine bestimmte Wirtschaftseinheit so realisiert.
Es wäre daher interessant, einmal zu betrachten, wie die Leistungsfähigkeit einer gegebenen Wirtschaftseinheit sich in Zukunft entwickeln wird.

Mehr dazu in Kürze.

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